Radfahren und der liebe Emile-Bethouart-Steg

Es ist noch nicht lange her, da wurden RadfahrerInnen am Emile-Bethouart-Steg gestraft. Abgesehen davon, dass ich das eine blödsinnige Aktion finde, sind die Postings zum Artikel sehr bedenklich. Mit wie viel Hass RadfahrerInnen bedacht werden. Die wenigen vernünftigen Postings werden gnadenlos niedergebügelt (wer es nachlesen will hier klicken).

 

Es ist auch noch gar nicht lange her, dass eine Studie gemacht wurde, den Steg abzureißen und für den Autoverkehr neu zu errichten.

 

Verkehrte Welt? Nein, das ist die Philosophie der Stadtkoalition.

 

Den denkmalgeschützten Steg für RadfahrerInnen zu öffnen, soll nach den gültigen Richtlinien nicht möglich sein, ihn aber abzureißen und für den Autoverkehr zu adaptieren, wurde sehrwohl angedacht.

 

PS: Übringens hätte ich gerne das Gutachten nach den aktuellen Richtlinien, das das Autofahren in der viel zu engen Höttinger Gasse (beim Innkeller) erlaubt. Der Gehsteig unterschreitet um ein vielfaches die gültige Norm.



Lasst uns den Mythos huldigen

Nicht glauben, das beträfe nur das Land Tirol und hat mit Innsbruck nichts zu tun. Alle 3 Sozialinitiativen haben ihren Sitz in Innsbruck und die Stadt Innsbruck ist für diese Beträge eingesprungen, damit sie weiterlaufen können.






Hohes Unfallrisiko


Mehr als die Hälfte der tödlich verunglückten FußgängerInnen ist älter als 65 Jahre (2008: 102, VCÖ).  Stress und Angst, nicht über die Straße zu kommen, führen bei alten Menschen zu Rückzug und zum schleichenden Verlust ihres Selbstvertrauens. Gerade für alte Menschen ist Gehen die wichtigste Form der Mobilität.   

Vor allem bei ungeregelten Schutzwegen kommt es am häufigsten zu Unfällen. Unaufmerksam, Handy-telefonierend oder mit zu hoher Geschwindigkeit betrachten AutofahrerInnen die Straße als ihr alleiniges Eigentum. Bei 50 km/h haben FußgängerInnen bereits eine 40%ige Chance, bei einer Kollision mit einem Auto tot zu sein. Alte, Kinder und Jugendliche sind die am meisten Gefährdeten.

Nun könnte ich zynisch anmerken, dass die Pensionskassen sich darüber freuen oder behaupten, alte Menschen sind eh nur ein Kostenfaktor und sollen gefälligst den AutofahrerInnen nicht auf die Nerven gehen. Aber HALLO! Was für eine Gesellschaft ist das, die langsameren Menschen nicht ihre Zeit gewährt und ihre Bedürfnisse ignoriert? 

Hohe Autoverkehrsdicht, hohes Geschwindigkeitsniveau und Stadt vertragen sich nicht. Die Dominanz der einen Gruppe geht zu Lasten der FußgängerInnen. Wir brauchen mehr attraktiv gestaltete 30er-Zonen (nicht nur ein 30er-Symbol auf die Straße pinseln), breite Gehsteige, Bäume, Bänke. Ich weiß schon, dass das die Autolobby nicht freut. Die tödlichen Unfälle der zu Fuß gehenden (und jedeR totgefahrene oder verletzte FußgängerInnen ist eineR zuviel) sprechen aber eine eindeutige Sprache. Runter mit dem Tempo und her mit Aufenthaltsqualität.



Geschwindigkeit oder Vereinsamung

Ältere FußgängerInnen haben ein anderes Mobilitätsverhalten als jüngere. Leider berücksichtigt die derzeitige Verkehrsplanung die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Generationen nicht. 

Die viel zu kurzen Grünphasen bei Zebrastreifen führen zu Verunsicherung und erhöhtem Stress, mangelnde Sitzmöglichkeiten zum Ausrasten erschweren die selbstständige Versorgung und die schmalen Gehsteige vermitteln permanent das Gefühl, im Weg zu sein. Gerade für Menschen ab 70Plus ist es wichtig, ihre Mobilität für Selbstversorgung und für einen Plausch auf der Straße zu erhalten. Ansonsten droht Vereinsamung. Die Politik kann Vereinsamung nicht gänzlich verhindern, aber sie kann sie mit ihren Vorgaben beschleunigen oder verlangsamen. Zurzeit beschleunigt die Politik.

Verantwortungsvolles Planen muss alle Lebensabschnitte gleichberechtigt berücksichtigen. Das heißt, dass Jüngere, Schnellere und Mobilere Rücksicht nehmen müssen. Attraktive fußläufige Infrastruktur kommt im Endeffekt ja allen zu gute. 

Gleichberechtigung, Wertschätzung und Sicherheit für Alte, gilt übrigens auch für Kinder, Jugendliche und mobilitätseingeschränkte Menschen.


Wie viel Zeit gestehen wir unseren alten Menschen zu?




Unsere Gesellschaft behandelt das Alter als Defizit. Alte Menschen haben teilweise Schwierigkeiten mit der raschen Erfassung komplexer Verkehrssituationen, ihr Reaktionsvermögen ist langsamer, das Seh- und Hörvermögen lässt nach und sie können nicht mehr in 5 Sekunden über den Zebrastreifen hüpfen.  Ja und, das ist doch kein Defizit, das ist der Lauf des Lebens. Wir alle werden alt. Für alte Menschen sind die künstlich geschaffenen Barrieren, die die autogerechte Planung produziert, ein großer Nachteil und schließt sie aus.  

Ältere Menschen fühlen sich gestresst, wenn sie die andere Straßenseite nicht bei Grün erreichen. Je höher die Autoverkehrsfrequenz, desto mehr werden FußgängerInnen über den Zebrastreifen gehetzt oder dürfen auf Mittelinseln ausharren. Dafür gibt es genug Beispiele in Innsbruck. Die Ampelschaltungen sind nicht an die Bedürfnisse der FußgängerInnen, sondern der AutofahrerInnen, angepasst. 

Natürlich kann man einwenden, dass ja auch noch die Räumphase (dh. es ist bereits rot) als Querungszeit gilt. Nur wissen das offensichtlich die AutofahrerInnen nicht, die hupend und genervt die FußgängerInnen stressen.

Die Norm

Ausgehend vom Regelwerk für Straßenverkehr müssen FußgängerInnen 1 Meter pro Sekunde schaffen, um in die Norm zu passen. Nun, alte Menschen schaffen das meist nie. Abgesehen davon beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit 80 cm pro Sekunde. Das findet in der Verkehrsplanung allerdings keine Beachtung. Was ist aber wichtiger?



JedeR VerkehrsteilnehmerIn ist auch FußgängerInnen


Wenigstens ein Hund hat Platz

Die Straße ist der Ort, wo sich die Qualität einer Stadt zeigt. Können FußgängerInnen ein attraktives Umfeld genießen oder müssen sie im Gänsemarsch zwischen Häusern und abgestellten Autos gehen? Müssen sie sich schreiend unterhalten oder können sie angenehm miteinander plauschen? Gibt es genug Sitzmöglichkeiten oder sind FußgängerInnen zum Stehen/Gehen angehalten? 

FußgängerInnen verhalten sich intuitiv, bleiben spontan stehen, wechseln plötzlich die Richtung und  gehen mal langsam, mal schnell. FußgängerInnen bringen auch je nach Alter unterschiedliche persönliche Eigenheiten und Fähigkeiten mit. JedeR kennt das selbst. Zu ihrer eigenen Sicherheit werden FußgängerInnen aber auf ihren Platz verwiesen – den Gehsteig. Sicherheitsbedingte Einschränkungen sollten jedoch bei den VerursacherInnen vorgenommen werden, die die Gefahr für andere schaffen und nicht bei denjenigen, die keine Gefahr sind.
Der Gehsteig ist der letzte öffentliche Raum einer Straße, wo Kommunikation stattfinden kann und den jedeR nach Lust und Laune benützen kann. Fahrbahnen und Parkstreifen sind nicht-öffentlich und sind für den Autoverkehr reserviert, Querungen nur dort möglich, wo es verkehrsplanerisch für den Autoverkehr günstig ist.

Was bietet Innsbruck den FußgängerInnen? Für Gehsteige bleibt nur die Restfläche des Straßenraumes übrig. Er sollte 1,5 m nicht unterschreiten, aber selbst das wird nicht überall eingehalten, wobei es nicht am Platz an sich scheitern würde. Der ist vorhanden, muss aber besser organisiert werden. Die neuen Vorgaben, dass ein neu zu errichtender Gehsteig, wenn möglich, 2 m breit sein sollte, wird als große Errungenschaft gefeiert.
 
Das Blickfeld der FußgängerInnen ist nicht auf die Windschutzscheibe beschränkt. Deshalb brauchen sie ein attraktives Umfeld, Bäume, Platz und Sitzmöblierung zum Ausrasten und Plauschen. Der Platz für Parkraum ist unhinterfragt, der Platz für Sitzmöglichkeiten lässt sogleich die Wogen hochgehen. Aber gerade die Möglichkeit, sich hinzusetzen ist für alte Menschen wichtig, um ihre täglichen Erledigungen zu bewältigen. Aber auch alle anderen FußgängerInnen setzen sich mal gerne hin.
Die Infrastruktur für FußgängerInnen in Innsbruck ist weder kindgerecht noch altengerecht, von barrierefrei ist sie noch weit entfernt. Gehsteigabsenkungen im Kreuzungsbereich sind gut, bringen den FußgängerInnen aber nur punktuell Verbesserungen.  
Wir erziehen unsere Kinder autoverkehrsgerecht, anstatt umgekehrt, wir hetzen die alten Menschen über die Straße, anstatt dass wir uns ihrer Geschwindigkeit anpassen. Mobilitätsbehinderte Menschen müssen einen Hindernisparcour bewältigen. Bei den Ampeln gestehen wir den FußgängerInnen die verbleibende Restzeit zu, dh. je mehr Autos eine Kreuzung passieren, desto weniger Zeit bleibt für querende FußgängerInnen.

Innsbruck hat einen hohen Aufholbedarf. Außer dem innersten Bereich des Zentrums der Stadt sind FußgängerInnen leider nicht willkommen. Je mehr Platz eine Stadt aber FußgängerInnen gibt, desto mehr Kommunikation findet statt und desto sicherer wird eine Stadt. Wo sich viele Menschen zu Fuß bewegen, lebt der Einzelhandel auf, was eine Stadt wiederum attraktiv für Menschen macht. Ein Kreislauf, der keine Beachtung findet.


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