Zwangsbeglückung oder Notwendigkeit

Ein Kostentreiber des verdichteten Wohnbaus ist die Tiefgarage. Die derzeit angewandte Praxis, pro Wohnung einen Tiefgaragenplatz zu bauen, muss überdacht werden (Tiroler Bauordnung). Gerade im sozialen Wohnbau müssen andere Regeln her als im frei finanzierten Wohnbau. Außerdem ist ein Unterschied zwischen einer Stadt mit guter Infrastruktur und einer Gemeinde, wo es keinen Nahversorger geschweige denn eine gute Bedienqualität des Öffentlichen Verkehrs gibt.

Die Stadt Graz ist sich des Kostentreibers Tiefgarage bewusst und gab eine aufwändig durchgeführte Studie in Auftrag. Drei Kriterien wurden in Graz unter die Lupe genommen: Wie beeinflusst fußläufige Nahversorgung, Kinderbetreuungseinrichtungen und Bedienqualität des Öffentlichen Verkehrs die Autobesitzrate? Die Antwort: sehr. In jenen Stadtteilen, wo alle 3 Kritierien optimal erfüllt werden, besitzt die Hälfte der Haushalte gar kein Auto. Die Autobesitzrate steigt in jenen Stadtteilen, wo die drei Infrastruktureinrichtungen mangelhaft vorhanden sind.

Die Wohnbauten in Innsbruck, va. auch der soziale Wohnbau, negiert die Integration in die Umgebung und betrachtet das Einzelobjekt ohne Vernetzung in das bereits Bestehende oder noch Benötigte, um ohne den Kostentreiber Auto auszukommen. Den MieterInnen werden einfach die Kosten für die Errichtung und Erhaltung der Tiefgarage aufgenötigt. Ob der Bedarf dafür überhaupt gegeben ist, ist irrelevant. Bei der Planung der Wohnbauten kommt es zur Verwaltung von Objekten, dh. optimale Erschließung und Wegführung für das Auto, ohne auf die Bedürfnisse der zukünftig dort lebenden Menschen Rücksicht zu nehmen. Barrierefrei erreichbare Abstellräume für Kinderwägen oder Einkaufswägen, barrierefrei erreichbare Fahrradabstellanlagen oder auch Räume für Jugendliche, Werkräume ... all das, was ein Miteinander ermöglichen könnte, bleibt außen vor.

Wohnbauförderungsgelder fließen auch in die Errichtung der Tiefgaragen. Das seh ich überhaupt nicht ein. Wenn die Wohnbaugesellschaft glaubt, TG-Plätze errichten zu müssen, dann soll sie das tun. Aber
a) soll sie sich selbst um die Vermietung derer kümmern
b) nicht Wohnbauföderungsgelder vernichten

Um mich nicht mißzuverstehen: JedeR der ein Auto haben will, soll das tun. Dass es aber jenseits der Logik Autobesitz = Glück auch anderes gibt, ist auch von autofahrenden Menschen zu respektieren. Vor allem ist es Aufgabe der Politik, sozialen Wohnbau leistbar zu halten.

Hier noch der Link zum Stadtblattartikel. Was mich bei diesem Artikel besonders freut, dass selbst der Geschäftsführer der Neuen Heimat zugibt, dass Tiefgaragen Kostentreiber sind. Allerdings nicht nur am Waldrand, sondern ganz zentral mitten in der Stadt.


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