Kinder- und Jugendheime in Tirol

Viele haben es gewusst, wenige haben den Mund aufgemacht und sind in dem damalig herrschenden System nicht durchgedrungen. Die Heimerziehungsgeschichte des Landes Tirol (aber nicht nur in Tirol) ist bezeichnend für die Elitenkontinuität. Und es ist beschämend, wie Kinder aus armen Familien psychisch vernichtet worden sind. Es hat nämlich nur arme Familien betroffen - nicht Kinder aus wohlhabenden Familien. Das muss uns bewusst sein, um das System zu verstehen.

Hier zur Debatte/Artikeln in der TT:

Missbrauch in Fürsorge hatte System
Gewalt und Missbrauch in der Jugendfürsorge hatten in Tirol Sys­tem. Im Mittelpunkt stand die hoch-dekorierte Psychiaterin Nowak-Vogl.
Innsbruck – Nach dem Bericht über die Arbeit von Jugendlichen in Heimen des Landes legte gestern eine von der Medizinischen Universität Innsbruck eingesetzte Expertenkommission ihre Expertise über die ehemalige Kinderbeobachtungsstation (Kinderpsychiatrie) der Klinik vor. Im Mittelpunkt steht dabei die 1998 verstorbene Klinikleiterin Maria Nowak-Vogl. Sie leitete die Station von 1954 bis 1987. Wie schon die Auswertung der mehr als 90 Schilderungen ehemaliger Zöglinge im Landeserziehungsheim St. Martin in Schwaz liefert auch dieser Bericht erschütternde Einblicke in die 3650 Krankenakten.
Die meist verhaltensauffälligen Kinder erlebten mehr als 33 Jahre sexualisierte, psychische, physische und strukturelle Gewalt, die von Nowak-Vogl ausgeübt wurde. Der Vorsitzende der Kommission, Gunther Sperk, betonte, „dass ich entsetzt darüber bin, dass sie Teil eines landesweiten Systems war, das schutzlosen Kindern Gewalt angetan hat“.
Die Kinderbeobachtungsstation bildete neben der Jugendwohlfahrt und den Erziehungs- und Kinderheimen eine wesentliche Säule in der Fürsorge. Nowak-Vogl wies Mädchen auch St. Martin zu, aus dem Resümee der Berichte lässt sich eine Tateinheit ablesen. Medizin-Rektorin Helga Fritsch bedauerte zutiefst, dass Kindern und Jugendlichen durch Nowak-Vogl großes Leid zugefügt wurde. (pn)

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Diözese prüft Aberkennung von Orden
Die Diözese Innsbruck wird sich mit der Aberkennung des päpstlichen Silvesterordens für die Psy-chiaterin Nowak-Vogl beschäftigen.
Von Peter Nindler
Innsbruck – Der 149 Seiten umfassende Bericht der Medizinisch-Historischen Expertenkommission über die Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl in der Zeit von 1954 bis 1987 arbeitet nicht nur die Behandlungsmethoden einer weltanschaulich vom Nationalsozialismus und vom konservativen Katholizismus geprägten Psychiaterin auf, wie der Zeithistoriker Horst Schreiber betont. Die Expertise soll auch ein Zeichen an die 3650 Kinder sein, die unvorstellbarem Missbrauch ausgesetzt waren, der Merkmale terroristischer Gewalt aufwies. „Das System war verwerflich. Der Bericht sagt klar: Ihr ward die Opfer“, erklärte der Vorsitzende der Expertenkommission Günther Sperk.
88 Betroffene der einstigen Kinderbeobachtungsstation, die 1979 wieder in die Klinik eingegliedert wurde, meldeten sich bei der Opferschutzkommission des Landes. Nowak-Vogl, die bis zu ihrer Pensionierung 1987 die Beobachtungsstation geleitet hatte, war nicht nur verantwortlich für strukturelle Gewalt an den schutzlosen Kindern, sondern hatte auch innerhalb der regionalen Fürsorge in Tirol eine Macht- und Schlüsselposition. Ihre Therapiemethoden wie die Verabreichung des tierischen Extrakts Epiphysan zur Behandlung von so genannter Hypersexualität, wurden jahrzehntelang von der Politik, der Kirche und der Öffentlichkeit geduldet. 1980 deckte erstmals ein Fernsehbericht Missstände in der Beobachtungsstation auf, aber Nowak-Vogl wurde nicht abgesetzt. „Lediglich die repressive Hausordnung setzte man außer Kraft, die Verabreichung von Epiphysan wurde gestoppt“, sagte die Historikerin Michaela Ralser. Die Öffentlichkeit verteidigte Nowak-Vogl sogar, „Leserbriefschreiber wie in der Tiroler Tageszeitung setzten sich für sie ein“, ergänzte Schreiber.
Das historische Forschungsprojekt soll mit Unterstützung des Landes, der Medizin-Uni und der Stamm-Universität weitergehen. Auch die Frage nach zusätzlichen Entschädigungen für die Opfer wird sich im Lichte der neuen Erkenntnisse wohl erneut stellen.
Kritisch wird sich in den nächsten Wochen jedenfalls die Diözese Innsbruck mit Maria Nowak-Vogl auseinandersetzen, erhielt sie doch einen der höchsten kirchlichen Orden. Der Papst verlieh ihr für ihre Verdienste den Silvesterorden. „Wir haben uns bereits damit auseinandergesetzt“, sagt Kommunikationschefin Karin Bauer. Für die nachträgliche Aberkennung von diözesanen Orden gibt es bereits ein Regulativ. „Im Falle Nowak-Vogls werden wir die Sache jetzt prüfen lassen, letztlich werden wir aber dem Vatikan nur eine Aberkennung des Ordens empfehlen können“, betont Bauer.

Machtstellung. Die Psychiaterin und Heilpädagogin Maria Nowak-Vogl war exklusive Gutachterin und Behandlerin der als schwierig geltenden Heim- und Pflegekinder ebenso wie jener Kinder und Jugendlichen, bei denen eine Fürsorgeerziehungsmaßnahme ins Auge gefasst wurde.
Strukturelle Gewalt. Betroffene hätten laut Horst Schreiber offengelegt, dass an der Kinderbeobachtungsstation „sexualisierte, psychische, physische und strukturelle Gewalt“ ausgeübt worden sei. Es habe ein „Klima der Bedrohung“ geherrscht, in dem die Kinder beschimpft, verhöhnt, gedemütigt, erniedrigt, kalt abgeduscht und geschlagen worden seien.
Einsatz von Epiphysan. Nowak-Vogl ging es laut Jugendpsychi­ater Ernst Berger darum, das Verhalten – insbesondere das sexuelle Verhalten – der Kinder und Jugendlichen zu kontrollieren, u. a. durch den völlig sinnlosen Einsatz von Epiphysan. „Ihre Publikationen dazu waren von wissenschaftlichen Standards weit entfernt.“

Missbrauch im landesweiten System
Politik, Kirche und Öffentlichkeit tolerierten jahrzehntelang ein System der Gewalt und des Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen. Hunderte Existenzen wurden dadurch psychisch vernichtet und ein Leben in Würde unmöglich gemacht.
Von Peter Nindler
Warum war dies in Tirol alles nur möglich? Wer hat das zugelassen, wer hat weggeschaut? Die Antwort ist einfach: alle! Auch nach der Überwindung des NS-Regimes wurde noch jahrzehntelang ausgegrenzt, Integration war ein Fremdwort. Wer nicht den gesellschaftlichen Normen entsprach, den sperrte das damalige Nachkriegs-Establishment weg. Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche wurden nicht mit Therapien vom Rand der Gesellschaft wieder in ihre Mitte geholt, sondern zwangsweise ausgesondert. Politik, Kirche und Öffentlichkeit tolerierten dieses landesweite System der Jugendfürsorge, weil sie ihm ideologisch nahegestanden sind.
Ideologie war das eine, Missbrauch und Gewalt entluden sich jedoch als tägliche Ausläufer. Das hatte natürlich wie immer niemand gewollt, doch vor Ort in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie in den öffentlichen und kirchlichen Heimen vollzog sich der erschütternde Alltag. Gewalt war offiziell verboten, doch Gesetze und Hausordnungen erwiesen sich als geduldig.
Das System funktionierte – von der Kinderbeobachtungsstation (Kinderpsychiatrie) der umstrittenen Psychiaterin Maria Nowak-Vogl bis hin zum Landes­erziehungsheim St. Martin in Schwaz. „Maria Nowak-Vogl war eine Vertreterin der konservativen, biologistischen und an den Prinzipien von Law and Order orientierten Position“, brachte es die von der Medizinischen Universität eingesetzte Expertenkommission gestern auf den Punkt. Die Therapie von Nowak-Vogl bestand aus struktureller Gewalt, Beschämung, Demütigung, Schlägen und medikamentöser Ruhigstellung, wie es der Historiker Horst Schreiber beschreibt.
Die erschütternden Vorgänge im Erziehungsheim St. Martin, wo Arbeit als Therapie bezeichnet, von den Mädchen aber als Zwang empfunden wurde, erscheinen im Lichte von Nowak-Vogl als logische Konsequenz ihrer unangemessenen und Merkmale terroristischer Gewalt aufweisenden Behandlungsmethoden in der Kinderbeobachtungsstation. Schließlich fungierte die Klinikleiterin nicht nur als Konsiliarärztin von St. Martin, sondern auch als enge Beraterin.
Vom Land Tirol hofiert, von den Gerichten als Gutachterin geachtet, von der Klinik als Psychiaterin forciert und von der Diözese protegiert und auch ausgezeichnet, erklärt die Biographie von Maria Nowak-Vogl, warum so vieles im heiligen Land Tirol möglich war. Das System hat leider funktioniert.


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